19.02.2014

Das Spiel mit der Fotografie auf Instagram

19.02.2014

Das Spiel mit der Fotografie auf Instagram

Warum „Erfolg“ nicht alles ist.

Die Follower-Zahl meines Accounts ist ein Hingucker. Oft werde ich gefragt: Wie kommst Du zu so vielen Followern? Ich antworte oft, dass ich seit der ersten Woche bei Instagram dabei bin und mit der Zeit sammeln sich einfach Follower an. Auf Partys reicht diese Antwort meist völlig aus, weil ich oft zunächst erklären muss, was Instagram überhaupt ist. Die Antwort ist auch nicht falsch. Aber sie trifft nicht ganz den Kern. Mein Freund Stephan (www.instagram.com/ryanm) hat mir die App gezeigt und war mein erster Follower. Damit ist er noch länger auf Instagram dabei als ich. Er hat eine eigene Bildsprache entwickelt. Typisch für ihn sind urbane Notizen aus Berlin: eine Straßenszene, Berlin im Morgengrauen und jede Menge Eindrücke aus den Clubs der Stadt. Neben dem Smartphone arbeitet er auch mit einer Pinhole-Kamera. Ein Foto, das mich an seine Pinhole-Arbeiten erinnert, hat er mir für diesen Text zur Verfügung gestellt. Es ist in Griechenland entstanden und spielt auf den Gegensatz von Natur und Kultur (Treppe) an. Schaut mal in seinen Account!

Stephan hat heute 1.300 Follower. War er im Unterschied zu mir etwa nicht erfolgreich? Doch wer definiert eigentlich, was „Erfolg“ auf Instagram heißt? Stephan hat faktisch nur nicht so viele Follower wie ich. Unsere Accounts haben wir unterschiedlich entwickelt. Ich habe öfter und regelmäßiger als er Fotos gepostet. Das brachte mich früh auf die Beliebtheitsseite, wodurch ich neue Follower bekam. Und ich wurde in einer frühen Phase neuen Nutzern von Instagram vorgeschlagen, die dann meinen Account abonniert haben. Diese damalige Vorschlagsliste (Suggest User List) unterschied sich von der seit August 2012 etablierten Liste. Sie basierte zum großen Teil auf der Aktivität der User – wer viel postete, wurde anderen vorgeschlagen. Stephan postete einfach nicht so viel.

Jeder betreibt seinen Account unterschiedlich. Jenseits der Bildsprache, die jeden Account mehr oder weniger repräsentiert, sind unterschiedliche Posting-Strategien zu beobachten. Meine Fotos sind, wenn nicht vom selben Tag, so doch nicht älter als ein oder zwei Wochen. Trifft das mal nicht zu, dann mache ich das kenntlich. Ich weise auch darauf hin, wenn ich nicht das iPhone nutze, sondern einen anderen Fotoapparat. Andere Nutzer handhaben das anders: sie posten ältere Fotos, bearbeiten sie ausgiebig und nutzen hochwertige Kameras. Einige Nutzer posten alle drei Stunden ein Foto. Manche posten Fotos, löschen sie später, posten sie wieder. Warum tun sie das? Um viele Follower zu bekommen? Um viele Likes zu bekommen? Das mögen Motive sein. Aber um zu verstehen, weshalb viele User von Instagram fasziniert sind und manch andere genervt, müssen wir uns Instagram einmal genauer anschauen.

Instagram bietet uns nur wenige Funktionen: Wir können Bilder hochladen und mit Filtern versehen, Bilder „liken“ und kommentieren. Instagram ist ein Programm für Smartphones mit ihren kleinen Bildschirmen. Diese Reduktion der Funktionen ist sicher ein Grund für den Erfolg der App. Wichtiger ist aber, dass Instagram trotz der Einfachheit  der Benutzung nach sehr komplexen Mechanismen funktioniert. Wer neu ist, steht vor Fragen wie: Weshalb werden manche Fotos von so vielen anderen gemocht? Weshalb haben einige Nutzer so viele Follower, auch wenn ihre Fotos niemanden umhauen? Wieso erhalten diese Fotos auch noch begeisterte Kommentare, als ob die Fotografie gerade neu erfunden worden wäre? Beantworten lassen sich diese Fragen vielleicht, wenn wir Instagram als ein foto-soziales Spiel begreifen. Bei diesem Spiel geht es um den Umgang mit Fotos, die Motivauswahl und die Postingstrategie. Es geht außerdem um die Kommunikation mit den Mitspielern. Und schließlich geht es darum, die Regeln dieses Spiels zu ergründen.

Um die spielerische Verschränkung von Sozialem und Fotografischem zu verstehen, sind zwei Spielformen zu unterscheiden: Wettbewerb und Zufall. Instagram beinhaltet zunächst einmal Elemente eines Wettbewerbsspiels. Das heißt, dass derjenige erfolgreich ist, der möglichst viele Follower, Likes und Kommentare bekommt. Freunde haben mir von einem Instagrammer erzählt, dem es darauf ankommt, andere bei den Follower-Zahlen zu überholen. Das ist Wettbewerb pur!

Dass Instagram wettbewerbsorientiert ist, lässt sich nicht zuletzt an den zahllosen Angeboten ablesen, Followerzahlen zu kaufen. Wo es Wettbewerb gibt, da sind diejenigen nicht weit, die die Wettbewerbsregeln kreativ auslegen. Die damit einhergehenden Verzerrungen – die drei „Währungen“ Follower, Likes und Kommentare können in ein Ungleichgewicht geraten – deuten auf ein weiteres Element von Instagram hin: Das Wettbewerbsspiel ist auch ein Zufallsspiel. Die Regeln dafür, wie man neue Follower erhält oder wann es ein Foto auf die Beliebtheitsseite schafft, sind nicht klar. Instagram klärt mich zwar darüber auf, wie ich die Grundfunktionen nutzen kann. Das Programm gibt mir aber kaum Hinweise darauf, wie ich das Wettbewerbsspiel erfolgreich meistern kann. Deshalb kreisen Gespräche unter Instagrammern oft um die Frage, wie man auf die „Beliebtheitsseite“ oder die „Vorschlagsliste“ kommt. Ob ein Foto „beliebt“ ist, hängt von Algorithmen ab, die von den Machern von Instagram erstellt, immer wieder verändert und angepasst werden. Dieser Code ist einerseits das Betriebsgeheimnis der Online-Plattform, andererseits das Spannende am Spiel. Die Macher von Instagram steigern diese Spannung noch, indem sie einzelne Nutzer auf eine „dynamische Vorschlagsliste“ stellen. Offiziell soll diese Liste (neuen) Nutzern Orientierung bieten. Welche Kriterien über die Auswahl der vorgeschlagenen User und der „beliebten“ Bilder bestimmen, ist jedoch ein Geheimnis.

Instagram greift regulierend in das Spiel ein, und die Nutzer müssen aus Indizien schließen, in welcher Weise eingegriffen wird und wie man den Eingriff zum eigenen Vorteil nutzen kann. Zugleich kann man sagen, dass es in diesem Spiel immer Wettbewerbsverzerrungen durch die Regelmacher gibt. Weil der Zufall gar kein Zufall, sondern ein berechneter, regulierender Eingriff ist, ist auch das Wettbewerbsspiel verzerrt. Aufgrund dieser Verzerrungen ist es faktisch unmöglich, den Wettbewerbserfolg eines Spielers von außen zu bewerten: Was bedeuten die vielen Follower, Likes oder Kommentare einzelner Nutzer eigentlich? Sind die Nutzer mit den meisten Anhängern auch die erfolgreichsten Spielteilnehmer?

Bex Finch, eine New Yorker Instagrammerin (www.bexfinch.com), mit der ich zehn Tage durch Israel gereist bin und die ich dann einige Wochen später in Berlin traf, war bis vor eineinhalb Jahren oft auf der Vorschlagsliste. Seitdem sie nicht mehr von Instagram empfohlen wird, stagnieren ihre Follower-Zahlen. Die Anregung für das folgende Bild aus meiner Serie „First we take Manhattan, then we take Berlin“ stammt von ihr.

Bex und ich haben auch über Instagrams geheimnisvolle Vorschlagsliste gesprochen. Sie sagte, dass es ihr nicht darauf ankäme, ein vorgeschlagener User zu sein. Wichtig ist ihr, ihren eigenen Stil zu finden und damit die Follower zu begeistern.

Einige Instagrammer der ersten Zeit posten dort heute nur noch selten Bilder. Tilman ist einer vonihnen. Er ist jetzt eher auf Flickr aktiv (http://www.flickr.com/photos/tilman/). Bei einem Treffen haben wir länger über Instagram und dessen Funktionsweise geredet. Tilman meinte, dass es nicht ausreicht, nur auf einer Plattform aktiv zu sein. Man dürfe sich nicht über ein Netzwerk definieren. Viele Instagrammer sind in anderen Netzwerken aktiv. Zugleich ist Instagram derzeit das Leitmedium, weil es unter den mobilen Fotonetzwerken die meisten Nutzer weltweit hat. Um aber nicht von einem Sozialen Netzwerk abhängig zu sein, bin ich auf verschiedenen aktiv. Dabei lerne ich, wie die einzelnen Netzwerke funktionieren. Die gleichen Bilder kommen unterschiedlich gut an. Das Foto, das eine Spiegelung zeigt, bekam auf Instagram mehr Likes als andere meiner Bilder (ca. 12.000). Auf Facebook mochte es hingegen kaum jemand.

Weil jedes Netzwerk besonders ist, probiere ich verschiedene Bildsprachen aus. Für Fotos, die ich auf Facebook und Twitter poste, wähle ich oft das Querformat. Auf EyeEm findet man oft meine Schwarzweißfotografien.

Dass meine Bilder auf den verschiedenen Netzwerken unterschiedlich gut ankommen, ist für mich sehr aufschlussreich. Denn damit wird der Erfolg bei Instagram relativiert und das Fotografische bleibt ausschlaggebend. Instagram ist ein Spiel mit der Fotografie.

Jörg Nicht

Er lebt in Berlin und fotografiert seit seinem 12. Lebensjahr. Inzwischen hat er mehr als 270.000 Follower auf Instagram.

Instagram: www.instagram.com/jn
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