01.07.2015

Mobile Fotografie und fotosoziale Netzwerke. Warum Instagram noch immer das Leitmedium ist

01.07.2015

Mobile Fotografie und fotosoziale Netzwerke. Warum Instagram noch immer das Leitmedium ist

Instagram ist fast fünf Jahre alt. Ich kann kaum glauben, dass es Instagram schon so lange gibt. Was habe ich vorher nur mit meinen Fotos gemacht? Sie im Schuhkarton aufbewahrt? Nein, nicht nur. Ich hatte schon damals einen Flickr-Account, den ich auch mithilfe eines Smartphones bestücken konnte.

Schon vor Instagram gab es mit Hipstamatic eine App für das iPhone, die aus kleinen Smartphone-Bildern artifizielle Fotografien machte. Hipstamatic war die erste mir bekannte App, die eine solche Leistung erbrachte. Als ich mein erstes iPhone, das iPhone 4 kaufte, war ich begeistert: Es waren nicht mehr die flauen, kontrastarmen, naturalisierenden Fotos, auf denen von vorn bis hinten alles – auf dem Niveau der Sensorgröße – scharf war. Da war Unschärfe, Farbstichigkeit und Zufall. Ich war begeistert.

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Die Welt verfremdet – mit Hipstamatic aufgenommenes Foto

Die Fotos präsentierte ich bei Flickr, das damals – im Jahr 2010 – bereits eine App hatte. Sie war aber nicht gut, also einfach genug, um sie auf dem iPhone bedienen zu können. Diese App war von der Web-Anwendung her gedacht. Die mobile App war der Ansatz, die Fotoplattform auf neue Geräte zu bringen.

Instagram erfand das Rad nicht neu, machte aber fast alles besser: Eine einfach zu bedienende Benutzeroberfläche in Kombination mit Filtern zur Verfremdung und eine Prise Soziales. Es war nicht nur der Beginn der App, die heute zu den weltweit genutzten und bedeutenden Apps gehört. Instagram steht auch für eine Kategorie von Apps, die man als fotosoziale Netzwerke bezeichnen könnte: Fotosoziale Netzwerke sind Netzwerke, bei denen man mithilfe von Fotos (images) mit anderen Nutzern kommunizieren kann. Sie ermöglichen die Bebilderung unseres Alltags. Was das heißt, zeigt ein Vergleich mit zwei anderen dieser Netzwerke: Flickr und EyeEm.

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Ich bin, was ich esse

Zunächst aber noch ein kurzer Blick auf Instagram. Die App ist nach wie vor das führende fotosoziale Netzwerk. Bei Instagram steht das Teilen eines Fotos im Vordergrund. Der Fotobutton ist in der Mitte. Inzwischen bietet Instagram eine große Zahl von Filtern an, die man sogar in eine Reihenfolge bringen kann. Zum Beispiel kann man den Filter ganz vorn einreihen, den man am häufigsten benutzt. Interessant ist, dass man die Filter seit einiger Zeit auch in ihrer Intensität regulieren kann. Wenngleich die Filter immer wieder Diskussionsstoff bieten und einige Instagrammer ihren Einsatz vehement ablehnen und sie für ein No-Go halten, haben sie doch den Vorteil, dass die Bilder im Stream durch die Filter einheitlicher werden.

Liken und Kommentieren gehören seit Beginn von Instagram dazu. Insofern war immer soziale Vernetzung möglich. Mit der Einführung von privaten Nachrichten ist auch eine Chatfunktion integriert, die allerdings nur rudimentär ist. Mindestens 90 Prozent der Nachrichten sind Spam. Insgesamt ist Instagram durch eine einfache Benutzeroberfläche gekennzeichnet. Das ist aus meiner Sicht ihr größter Vorteil.

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Linien, Silhouetten und Schatten I. Mein erfolgreichstes Foto auf Flickr

Flickr funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip: Fotos hochladen, Liken und Kommentieren. Es gibt einige Filter, allerdings sind die Bearbeitungsmöglichkeiten nicht so umfangreich wie bei Instagram. Flickr hat eine normale Webanwendung. Der wohl größte Unterschied besteht in der Sortierfunktion: Bilder können in eigene Alben sortiert und in Gruppen aufgenommen werden. Zudem gibt es umfangreiche Suchfunktionen und verschiedene Lizensierungsmodelle. Das deutet darauf hin, dass sich dieses Netzwerk vor allem an ambitionierte Fotografen und Profis richtet, die über die Plattform ihre Bilder auch verkaufen können. Über die Explorer-Page kann man Fotos anschauen, die von Redakteuren ausgewählt werden. Dort finden sich jede Menge sehr gut bearbeitete Fotos von Landschaften und Blumen. Auch für Eisenbahnfreunde ist hier etwas dabei. Aber wo ist das Essen geblieben, das wir von Instagram kennen? Katzen-Fans und Fitness-Junkies tauchen bei Flickr ebenfalls kaum auf.

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Linien, Silhouetten und Schatten II. Mit EyEm bearbeitetes Foto

EyeEm ist angetreten mit dem Versprechen, alles besser zu machen als Instagram. Aufgrund der vielfältigen Funktionen ist es im Vergleich zu Instagram allerdings komplizierter. Die Fotos können in öffentliche Alben einsortiert werden. Und EyeEm featured – ähnlich wie Flickr – bestimmte Fotos. Die sozialen Grundfunktionen sind ähnlich wie bei den anderen Netzwerken. Die App ist zwar kostenlos, aber EyeEm kooperiert mit verschiedenen Unternehmen, wobei Nutzer zu sogenannten Missions etwas beitragen können. Zudem können sie Fotos mithilfe der App verkaufen. Der Name der App spielt auf den identitätsstiftenden Charakter des Teilens von Fotos in Sozialen Netzwerken an: Ich bin, was ich poste.

Flickr und EyEem sind fotosoziale Netzwerke, die sich (inzwischen) auf Fotografie konzentrieren und darüber hinaus soziale Vernetzung ermöglichen. Hervorzuheben ist die intensive Community-Arbeit von EyeEm – etwa indem Nutzer eingebunden werden, die als Community-Manager fungieren. Flickr hat sich über ein Jahrzehnt als Soziales Netzwerk etabliert. Weshalb reden trotzdem alle nur von Instagram, wenn von fotosozialen Netzwerken die Rede ist? Bei Instagram spielen Fotos zwar auch eine zentrale Rolle. Aber diese Fotos sind Ausdruck unseres alltäglichen Tuns. Diese Fotos zeigen, dass soweit alles in Ordnung ist: Meiner Katze geht es gut, mit meinem Auto bin ich sicher von A nach B gekommen und etwas zu essen habe ich auch bekommen. Und bei den Stars und Sternchen dieser Welt ist es genauso. Instagram ist – wie der Name schon sagt – für das unmittelbare Teilen von Bildern gemacht. Dafür stehen die beiden anderen Apps nicht.

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Radfahrer

Seit einiger Zeit bekommt Instagram auch Konkurrenz von neuen Apps wie Snapchat: Mit dieser Anwendung teilen viele Nutzer inzwischen die Alltäglichkeiten und machen so ihren Tagesablauf für andere Nutzer sichtbar, wie es auch zu Beginn von Instagram der Fall war. Die sehr einfachen Bearbeitungsmöglichkeiten und die kurze Abrufzeit (Stories sind nur für einen Tag sichtbar) unterstützen das Versprechen, man könne dem anderen ganz nah sein. Heute posten bedeutende Instagrammer täglich maximal ein Foto von einer schönen Landschaft, die mit einer teuren Kamera aufgenommen wurde. Die Geschichte der Entstehung dieses Fotos wird jedoch mit Snapchat dokumentiert. Aber nur sehr wenige User schaffen es, kleine Snapchat-Kunstwerke zu kreieren. Aber darum geht es den meisten wohl auch nicht. Snapchat ist zum Konkurrenten von Instagram geworden, weil es das Versprechen des authentischen Augenblicks erneuert – und zwar besser als Instagram. Authentizität ist das, was Instagram von allen fotosozialen Netzwerken nach wie vor am erfolgreichsten verspricht.

Jörg Nicht 

Er lebt in Berlin und fotografiert seit seinem 12. Lebensjahr. Inzwischen hat er mehr ca. 500.000 Follower auf Instagram.

Instagram: www.instagram.com/jn
EyeEm: www.eyeem.com/jn_
Flickr: www.flickr.com/jn_insta
Homepage: www.joergnicht.com

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