25.07.2015

Die Vervielfachung von Bildern: Was ist schon originell?

25.07.2015

Die Vervielfachung von Bildern: Was ist schon originell?

Es ist eine Situation, die oft vorkommt: Instagrammer gehen gemeinsam durch die Stadt und finden einen interessanten Ort. Mit einer Person wäre das Bild noch interessanter, also stellt sich jemand, mit dem man gerade unterwegs ist, ins Bild. So war das auch hier: Ich fragte Michael (www.instagram.com/herr_pola_roid), ob er für mich modelt.

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Michael, auf seinem Weg

Was die Betrachterin des Bildes nicht sieht: Neben und hinter mir steht eine Gruppe anderer Instagrammer und fotografiert Michael ebenfalls. Ich habe dieses Foto nicht auf Instagram hochgeladen, weil andere es schon vor mir gepostet hatten und ich es nicht sehr originell fand, ein Bild zu posten, von dem es so viele ähnliche Fotos gibt. Denn während ich noch Fotos gemacht habe von dem Ort und den Leuten, hatten andere ihre Fotos der Szenerie schon gepostet.

Jeder kennt diese Situation: Gerade auf Instawalks ist es nicht so leicht, ein besonderes Foto zu machen, weil andere einen zumindest ähnlichen Blick auf das Geschehen werfen. Michael berichtet von einem Erlebnis in Hamburg wenige Wochen zuvor, als er beim Modeln von dreißig oder vierzig anderen Instagrammern fotografiert wurde. Er fand das sehr seltsam, weil er sich bisher nicht als Supermodel verstanden hatte. Von dieser Szene hat er ein Bild gemacht, als nur noch wenige Fotografen anwesend waren.

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Die Sicht des Herrn Polaroid; (c) @herr_pola_roid

Meine Bildidee, eine Person irgendwo entlang laufen zu lassen, ist nicht neu. Und auch der Ort, an dem ich die Aufnahme machte, wurde schon häufiger fotografiert. Ich würde mich deshalb nicht als Schöpfer begreifen, dem die Bildidee weggenommen wurde. Aber solche Situationen sind immer mal wieder ein Anlass dafür, über Originalität und Originale nachzudenken: Wer hat die zündende Bildidee, die noch keiner zuvor hatte? Und wer kann eine eigenständige Bildidee zu einer Serie ausbauen, die jeder wiedererkennt?

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Fahrradfahrer

Im Spätwinter 2011 begann ich Radfahrer in Berlin zu fotografieren. Wie die meisten Instagrammer arbeitete ich fast ausschließlich mit dem iPhone, mit dem es mir gelang, Panning Shots zu machen. Bilder von Radfahrern in Bewegung wurden zu meinem Markenzeichen. Noch heute werde ich gelegentlich darauf angesprochen, dass ich doch derjenige sei, der Radfahrer fotografiert, was ich auch nach wie vor tue, allerdings nicht sonderlich oft.

Um solche Serien und Themen geht es, wenn man wiedererkannt werden will. Aber solche Ideen werden von anderen auch kopiert und mehr oder weniger eigenständig weiterentwickelt. Darauf habe ich keinen Einfluss. Genauso wenig hatte ich beim oben beschriebenen Fotowalk einen Einfluss darauf, dass auch andere Instagrammer Michael fotografierten und ein Foto von ihm vor mir posteten. Offenbar lag ich mit meiner Bildidee nicht ganz daneben.

Das Foto mit Michael und die Geschichte dahinter verweisen auf die Frage nach dem Original. War es meine Bildidee? Wohl kaum. Wurde die Idee von anderen kopiert? Auch das lässt sich nicht so eindeutig sagen.

Über den Zusammenhang von Originalität und Kopie denkt Viktoria Binschtok, eine Berliner Künstlerin, in ihren Werken nach. In einem ihrer Projekte hat sich die Künstlerin in New York umgesehen, und zwar mit Hilfe von Google Street View. Von den Orten fertigte sie Screenshots an. In der Ausstellung waren sie in einer spezifischen Art ausgedruckt. Viktoria ist nach New York geflogen und hat die zuvor mit „Street View“ besichtigten Orte fotografiert. Manchmal war leicht zu erkennen, dass es sich um dieselben Orte handelt. Andere Fotos ließen die Identität von „Street View“ und eigener Fotografie nur erahnen. Das Konzept der Künstlerin sah auch vor, nur analoge Aufnahmen zu machen.

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Helsinki 2009 – analoge Aufnahme.

Was bedeutet dieses Projekt? Es geht es um die Frage, was „virtuell“ und was „real“ ist. Der mit den eigenen Augen gesehene Ort ist dieser Logik zufolge „real“, während Google Street View nur eine „virtuelle“ Darstellung liefert. Die fotografischen Daten sind nicht nur dem Verdacht ausgesetzt, nicht real zu sein, sondern sie sind auch tendenziell gefährdet, weil keine Materialität vorhanden ist, wie etwa das fotografische Negativ. Deshalb nutzt die Künstlerin die analoge Technik, um das Substanzielle bei ihren eigenen Aufnahmen zu bekräftigen.

Das Projekt lotet eine zentrale Frage unserer Fotografie aus: Was passiert mit meinen Blick, wenn ich mich in einem Raum bewegen kann, der weit weg von mir ist? Ich war noch nie in New York, kann mich aber mithilfe von verschiedenen Online-Angeboten in diesem Raum bewegen. Für die Vorbereitung von Fotoreisen hilft das. Aber verstellt es vielleicht nicht unseren Blick, weil wir zu gut vorbereitet sind? Und kleben wir nicht zu sehr an den Bildideen anderer Fotografen? Sollte man die, wenngleich verfremdeten „Street View“-Vorlagen ausdrucken, wie Linda (www.instagram.com/lindaberlin) fragte? Ich habe darauf keine abschließenden Antworten. Die Arbeiten von Viktoria Binschtok haben mich auf jeden Fall dazu angeregt, weiter darüber nachzudenken. Ihr könnt mir gern Eure Meinung dazu schreiben.

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Nebelstimmung

In ihren Werken hatte Viktoria auch mit analoger Technik gearbeitet. Mithilfe des Bildnegativs kann sie bezeugen, dass sie nicht nur an dem Ort gewesen war, sondern auch, dass es ein Original gibt, das nicht retuschiert ist. Diese Frage wird auch unter Instagrammern diskutiert: Inwieweit darf ein Foto bearbeitet werden? Aber nicht nur Instagrammer diskutieren darüber, sondern auch fotografisch Interessierte. Ein Bekannter, der – soweit ich weiß – nicht auf Instagram aktiv ist, spricht sich beispielsweise gegen eine (zu starke) Bearbeitung von Fotografien aus und betont die Haptik beim analogen Prozess der Bildproduktion. Jemand anderes komponiert hingegen aus verschiedenen Bildern und Strukturen neue Bilder mithilfe gängiger Bildbearbeitungsprogramme. Beide schätzen die Frage der Originalität ganz unterschiedlich ein: Das analoge Negativ ist für den einen das Original, während für den anderen die vorliegenden Bilddateien (nur) Ausgangspunkt für ein neues Werk sind, das dann das Original darstellt. Solche Diskussionen zeigen, dass die digitale Technik uns dazu herausfordert, über unser Verhältnis zu Bildern neu nachzudenken.

Jörg Nicht 

Er lebt in Berlin und fotografiert seit seinem 12. Lebensjahr. Inzwischen hat er mehr ca. 500.000 Follower auf Instagram.

Instagram: www.instagram.com/jn
EyeEm: www.eyeem.com/jn_
Flickr: www.flickr.com/jn_insta
Homepage: www.joergnicht.com

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